Der Gebrauch des Schwertes bei den Investiturzeremonien des Ordens vom Heiligen Grab

Eine Reflexion des General Statthalter

Print Mail Pdf

Simboli pastorali_2

Vor wenigen Tagen – genauer gesagt am 7. Mai 2021 – wurde der neue Text des Rituals für die Ordenszeremonien, der am 19. März 2021 von Seiner Eminenz, dem Großmeister-Kardinal Fernando Filoni promulgiert wurde, an die Mitglieder des Großmagisteriums, die Statthalter und die Magistraldelegierten des gesamten Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem versandt. Das Datum der formalen Verkündung hätte nicht besser gewählt werden können, da es – wie das entsprechende Dekret im Übrigen ausdrücklich sagt – der Tag war, an dem die Kirche das Hochfest des heiligen Joseph, des Schutzpatrons der Kirche begeht. Und tatsächlich hat dieses Datum heute eine noch größere Bedeutung, denn wir leben im Jahr des heiligen Joseph, das Papst Franziskus am 8. Dezember 2020 in seinem Apostolischen Schreiben Patris corde ausgerufen hat.

Da in dem Promulgationsdekret angegeben ist, dass ich als Generalstatthalter gebeten wurde, meine Meinung zu äußern, halte ich es für meine Pflicht, meine Gedanken mit den Freunden des Ordens zu teilen.

Der Leser wird mir eine persönliche Bemerkung erlauben. Als ich vor über 25 Jahren das erste Mal an einer Investitur des Ordens teilnahm, war ich befremdet, am Altar einen Bischof in den bischöflichen liturgischen Gewändern zu sehen, der während der Messfeier (infra missam) – in diesem speziellen Fall in ungeschickter Weise – mit einem Schwert, das heißt einer Waffe hantierte. Als Historiker war mir klar, dass im Mittelalter die Investitur eines neuen Ritters mit dem Gebrauch eines Schwertes verbunden war, doch die Person, die es hier benutzte, war ein Laie, der selbst schon investiert war. Diese Anomalie brachte mich dazu, mich auch als Universitätsprofessor für Kirchengeschichte näher mit dem Thema zu beschäftigen.

 

Ich werde versuchen, meine Gedanken in 4 Punkten zusammenzufassen.

1. Es gibt keinen Beweis dafür, dass der Orden anlässlich des Ersten Kreuzzuges gegründet wurde, weshalb jede Bezugnahme auf die Kreuzzüge und auf Gottfried von Bouillon im Besonderen anachronistisch ist.

 

2. Aus zahlreichen Quellen wissen wir, dass erst in den ersten Jahrzehnten des vierzehnten Jahrhunderts die Investitur zum Ritter vom Heiligen Grab von adligen Laien ihren Genossen bei einer gemeinsamen Pilgerfahrt nach Jerusalem verliehen wurde. Die Rolle der Franziskaner der Kustodie im Heiligen Land beschränkte sich darauf, die Basilika vom Heiligen Grab für die Zeremonie vorzubereiten und die Messe zu feiern, an deren Ende die Investitur vorgenommen wurde.

 

3. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts, genauer gesagt ab 1496, wurde die Befugnis, neue Ritter zu investieren, dem franziskanischen Kustos im Heiligen Land übertragen. Was das Ritual dieser Zeremonie betrifft, so stammt der erste überlieferte Text aus dem Jahr 1623. Darin wird deutlich, dass sich die Zeremonie auf die Übergabe des Schwertes an den Kandidaten konzentrierte, der es aus der Scheide zog und dem Zelebranten reichte. Dieser machte mit dem Schwert dreimal das Kreuzzeichen in die Luft und berührt dann mit der Waffe leicht die Schultern des Kandidaten. Am Ende des Ritus gab der neue Ritter das Schwert an den Kustos zurück, da dieses Schwert dasjenige war (oder als solches aufbewahrt wurde), das Gottfried von Bouillon gehört hatte.

 

4. Die Entscheidung von Leo XIII. im Jahr 1888, Frauen in den Orden aufzunehmen, hat tatsächlich zu einem unumkehrbaren Bruch in der Kontinuität geführt. Der Eintritt von Damen in eine Institution, die von ihrem Wesen her nur Männern offenstand, führte zur Aufgabe der ursprünglichen Identität als Ritterorden in dem Sinne, dass dieser Ausdruck aus dem Mittelalter stammt. Aus dieser neuen Gegebenheit entstand die Notwendigkeit, die Damen mit einer anderen Formel als die Ritter zu investieren, und zwar ohne auf den Gebrauch des Schwertes zurückzugreifen.

 

 Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts erscheint es nicht mehr akzeptabel, dass Menschen, die an dieselben Pflichten gebunden sind und Anspruch auf dieselben Rechte haben, innerhalb derselben Institution auf unterschiedliche Weise aufgenommen werden. Das neue Ritual erfüllt diese Grundvoraussetzung vollständig. Im Übrigen ist zu beachten, dass das Schwert wegen seiner symbolischen Bedeutung in der Liturgie der Vigil auf jeden Fall vorgesehen ist. Und gestatten Sie mir schließlich als jemandem, der in 25 Jahren kampfesfreudigen Einsatzes an hundert Investituren auf den fünf Kontinenten teilgenommen hat, die sich oft sehr voneinander unterschieden, die Aussicht besonders zu begrüßen, dass von nun an die Zeremonie des feierlichsten Aktes, den die Liturgie des Ordens vorsieht, in Worten und Gesten in allen Statthaltereien und Magistraldelegationen des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem identisch sind.

 

Agostino Borromeo

General Statthalter

 

(12. Mai 2021)